Das kann doch kein Zufall sein?! – Sich selbst erfüllende Prophezeiungen

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Das kann doch kein Zufall sein?! – Sich selbst erfüllende Prophezeiungen

Als ich von der Arbeit kam rannte gestern bei uns in der Spielstraße eine Katze plötzlich knapp an mir vorbei. Sie rannte von rechts nach links und hatte getigertes Fell. Dass mir wenig später beim Zubereiten des Abendbrots das Brottablett herunterfiel und die meisten Schnittchen auf die Butterseite fielen, war also Zufall.
Was aber wäre gewesen, wenn die Katze schwarzes Fell gehabt hätte?

Vielleicht hätte ich sie im Nachhinein als schlechtes Omen gesehen. So ärgerte ich mich kurz und murmelte etwas von „Murphy´s Law“ als ich die Brotstückchen zurück aufs Tablett legte.

Ist es Zufall das ein Toast auf die gebutterte Seite fällt?
Bild: Pixabay
Ist es Zufall das ein Toast auf die gebutterte Seite fällt?

Wir Menschen sind sehr gut darin, Sinnzusammenhänge zwischen zeitlich aufeinander folgenden Ereignissen herzustellen. Plötzlich haben wir das Gefühl, eine Vorahnung gehabt zu haben oder gewarnt worden zu sein. Einige glauben sogar, eine Art „Siebten Sinn“. Zu haben. Beweise gibt es nicht, wir sprechen von „Aberglauben“. Ein Beispiel: bestimmt kennen Sie das Gefühl, das einen manchmal beschleicht. Das Gefühl, dass Sie jemand anguckt, der neben oder hinter Ihnen ist. Und sobald Sie sich umdrehen: Treffer! Die Person starrt Sie wirklich an. Als hätten Sie es gefühlt. Tatsächlich gibt es solche übersinnlichen Kräfte aber nicht.

Aber wir tendieren einfach nur dazu, uns unsere Umwelt zu erklären. Unsere Wirklichkeit ist selbstgemacht. Psychologen erklären das Phänomen des gefühlten Blicks dadurch, dass uns die Momente, in denen wir uns umdrehen und tatsächlich angesehen werden, viel besser in Erinnerung bleiben als all die anderen Momente, in denen unsere Vorahnung nicht zutrifft. Experimente zur visuellen Wahrnehmung legen zudem nahe, dass wir unbewusst optische Reize verarbeiten, besonders dann, wenn sie aus der Peripherie unseres Sehfelds stammen.

Diese rationalen Erklärungen sind zwar logisch und nachvollziehbar, aber auch ein wenig langweilig. Spannender ist doch das Unerklärbare, das Übersinnliche. Tatsächlich aber ist es nur der Zufall, der uns an der Nase herumführt. Wir tendieren zum Beispiel auch dazu, Dinge, die zeitlich eng aufeinander folgen, als kausal zueinander wahrzunehmen.

Das Paradebeispiel ist die Klassische Konditionierung. Das wohl bekannteste Experiment hierzu stamm von Iwan Pawlow. Er untersuchte den Speichelfluss bei Hunden: sehen Hunde Futter, läuft ihnen das Wasser im Mund zusammen. Bei uns ist das genauso; wenn wir etwas Leckeres sehen, läuft uns im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser im Mund zusammen. Das ist eine unkonditionierte Reaktion. Das bedeutet, wir zeigen diese Reaktion automatisch. Pawlow hat nun immer kurz bevor die Hunde ihr Futter bekamen, ein Glöckchen geläutet. Nach einigen Wiederholungen hatten seine Versuchshunde verstanden, dass nach dem Klingeln der Glocke das Futter folgt. Aus Vorfreude reagierten sie mit Speicheln schon beim Ertönen der Glocke – in der Erwartung des Fressens. Wir Menschen funktionieren genauso: treten zwei Dinge zeitlich gekoppelt auf, tendieren wir dazu, zwischen diesen Dingen einen Kausalzusammenhang zu sehen.

Sich selbst erfüllende Prophezeiungen funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip. Bei einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung geht man ebenfalls von einem bestimmten Zusammenhang aus. Der Punkt ist, dass dieser Zusammenhang aber nicht besteht, sondern erst durch das eigene Verhalten im Sinne der sich selbst erfüllenden Prophezeiung hergestellt wird. Im Kern wird das Verhalten, dass man von einer anderen Person erwartet, durch das eigene Verhalten also erst hervorgerufen. Placebo- und Nocebo-Effekte lassen sich durch dieses Phänomen ebenfalls erklären.Beim Placeboeffekt glaubt man an eine bestimmte Wirkung, beispielsweise die Wirkung homöopathischer Mittel. Die Mittel selbst sind aber nicht wirksam. Durch das Einnehmen der Mittel steigt allein der Glaube an die eigene Gesundwerdung. Der Glaube, dass ein vermeintliches Medikament hilft, verursacht somit tatsächlich eine Wirkung, wenn auch diese geringer ausfällt als im medizinischen Maße.

Es gibt sogar einen stellvertretenden Placebo-Effekt. Menschen behandeln mittlerweile sogar ihre Haustiere mit homöopathischen Mitteln. Da diese Mittel keine medizinischen oder anderweitigen nachweisbaren Wirkstoffe enthalten, helfen sie nicht. Auch können Haustiere sich selbst keine positive Wirkung der Mittel einreden, wie es Menschen tun. Aber der Effekt funktioniert stellvertretend: der Tierhalter glaubt an die Wirkung, verabreicht dem Tier das Mittel.

Auch können Haustiere sich selbst keine positive Wirkung der Mittel einreden, wie es Menschen tun
Bild: Pixabay
Auch können Haustiere sich selbst keine positive Wirkung der Mittel einreden, wie es Menschen tun.

Gleichzeitig sorgt er – ob bewusst oder unbewusst – besonders fürsorglich für sein erkranktes Haustier. Diese besondere Fürsorge, welche mit der Homöopathie einhergeht, scheint der eigentliche Schlüssel zur Erklärung zu sein. Sich kümmern, aufmerksam sein, achtsam sein, sind gute Wege zur Gesundung, egal, ob an sich selbst angewandt oder stellvertretend an einem lieben Menschen oder eben dem Haustier. Der Placebo-Effekt funktioniert auch im umgekehrten Sinn. Wenn wir annehmen, eine bestimmte Substanz verursache Schmerzen, glauben wir auch das wirklich zu empfinden. Ein weiteres Experiment zeigt, dass sich Versuchspersonen betrunken fühlen, wenn sie glauben, Bier getrunken zu haben, obwohl das getrunkene Bier in Wirklichkeit alkoholfreies war.

Längst wissen wir, wie stark mentale Kräfte sind. Allein das Vorstellen von Ereignissen im Kopf senkt zum Beispiel auch den Stresslevel, wenn man sich später tatsächlich in der Situation befindet. Sportler spielen wichtige Matches im Vorfeld mental durch, und profitieren geistig und sogar körperlich davon. Der Körper beginnt eine Art „Gedächtnisspur“ für die durchgespielten Bewegungen anzulegen. Dafür muss man die Bewegung nicht unbedingt körperlich ausführen. Der Bobfahrer, der im Geiste die Bahn herunterrast verbessert seine Performance genauso wie die Balletttänzerin, die vor der Aufführung die Schritte der Choreografie mental durchspielt.

Unsere Vorstellungskraft ist ein mächtiges Instrument. Sie kann uns aber eben auch in die Irre führen. Der Begriff der sich selbst erfüllenden Prophezeiung wurde übrigens von Paul Watzlawick mitgeprägt. Er definierte sie als Denkfehler, die eigene Rolle zu übersehen und die Ereignisse dann als Beweis für die eigene Vorhersage anzuführen. Er sprach treffend von einer „Fehlerherrschaft“ unseres Geistes.